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„Der letzte seiner Art“ – Andreas Eschbach

Der letzte seiner ArtAndreas Eschbach
„Der letzte seiner Art“
350 Seiten
Lübbe-Verlag
8,95 €

ISBN: 3785721234

Klappentext:

In einem kleinen irischen Fischerdorf lebt ein Mann, der ein Geheimnis hütet. Nein, mehr als das, er ist das Geheimnis. Sie hatten ihm übermenschliche Kräfte versprochen. Stattdessen wurde er zum Invaliden. Er hatte gehofft, ein Held zu werden. Stattdessen muss er sich vor aller Welt verbergen. Denn Duane Fitzgerald ist das Ergebnis eines geheimen militärischen Experiments, eines Versuchs, der auf tragische Weise fehlgeschlagen ist. Für seinen Opfermut erhielt er die Freiheit, den Rest seines Lebens dort zu verbringen, wo er es sich wünschte. Im Gegenzug musste er sich verpflichten zu schweigen Doch es gibt da jemanden, der sein Geheimnis kennt – und er ist ihm bereits auf der Spur.

Irgendwie muss man ein Buch etikettieren. Man muss was draufschreiben wie „Roman“, „Kriminalroman“, „Drama“ oder „Thriller“. Letzteres steht auf diesem Buch drauf.

Das Problem mit Etiketten ist ja, dass sie Erwartungen auslösen. Und Etiketten bei Büchern bedeuten, sich auf eine Schablone einzustellen und innerhalb dieser Schablone lesen zu wollen. Bricht das Buch daraus aus, sorgt das für Irritation und manchmal sogar Genervtsein, eher selten für positive Überraschnugen.

Wiederum Letzteres trifft aber bei diesem Buch zu. Das mag am Autor liegen; wenn man vorher schon was von Andreas Eschbach gelesen hat (wie das „Jesus Video“, in meinem Fall), rechnet man halt nicht mit einem Vollzeit-Thriller. Trotzdem ist dieser Teilzeit-Thriller einer, für den auch mal eine Mittagspause geopfert wird, weil man einfach wissen muss, wie es weitergeht. Ich finde, es ist durchaus mit Michael Chrichton vergleichbar. (Jurassic Park beispielsweise habe ich schon unzählige Male gelesen. Nach „Rachel im Wunderland“ von Marian Keyes ist es das zerlesenste Buch in meinem Regal.) Und das liegt daran, daß es mehr ist. Mehr als nur ein Thriller oder ein Actionroman oder was immer man für ein Etikett draufklebt. Es regt zum (Nach)Denken an. Es geht an den richtigen Stellen in die Tiefe. Es stellt Fragen.
Im Unterschied zu M.C. werden diese bei A.E. nicht beantwortet. Sie werden gestellt und mögliche Antworten werden gedanklich hin- und hergeschoben, letztlich aber offengelassen. Es gibt gute Bücher, die nicht soviel „dazwischenquatschen“. Aber die legt man nach der letzten Seite weg und geht zur Tagesordnung über. Meistens verkauft man sie danach bei eBay oder auf dem Flohmarkt, weil man sie ja kein zweitesmal zu lesen braucht – man kennt den Schluß ja jetzt und die Spannung wäre weg. Aber „Der letzte seiner Art“ wird bei mir nicht auf den Stapel mit den zu verkaufenden Büchern kommen, sondern ins Regal; und es wird Jahr für Jahr zerlesener aussehen.

Das Problem mit Antworten auf Sinnfragen in Büchern ist die Kompetenz des Autors – mal ehrlich, die meisten Versuche in dieser Hinsicht sind bestenfalls „nett“, nur die wenigsten hinterlassen da einen bleibenden Eindruck. Wie eben M.C. Ob er Recht hat und die letzte weise Instanz ist, sei dahingestellt. Es ist auch nicht so wichtig. Man hat beim Lesen das Gefühl, dass es so ist, und darauf kommt es letztlich an. Andreas Eschbach überlässt die Antworten dem Leser. Ob das besser oder schlechter ist, sei mal ebenso dahingestellt. Es passt. Das reicht. Es passt in diesem Buch sogar perfekt. Und es könnte aufgrund der Erzählperspektive auch gar nicht anders sein.

Aber Schluß mit dem Vergleichen. „Der letzte seiner Art“ ist mehr als ein Thriller. Die Actionszenen sind knapp bemessen, und darauf sollte man sich einstellen – aber das Buch hätte kein anderes Etikett bekommen dürfen. Spannung ist die ganze Zeit über vorhanden. Die Story ist dicht und hängt an keiner Stelle durch. Die philosophischen Einblicke und Einschübe fügen sich vor allem nach dem Schluß und beim zweiten Lesen bestens in den Text ein und werden glücklicherweise nie zu lang. (Störend finde ich nur die Zitate über den einzelnen Kapiteln, aber die kann man zur Not ja einfach überlesen. Dabei meine ich nicht die Zitate selbst – Seneca ist gut gewählt und das Buch hat mich sogar dazu gebracht, im Netz nach weiteren Zitaten von ihm zu suchen – sondern die Form, so aus dem Text gerissen, in der sie da vorkommen. Ist wohl so eine ganz persönliche Aversion von mir, andere finden gerade das besonders toll. Irgendwann muss ich auch mal Geschmack daran finden, denn es kommt in so vielen Büchern vor…)

Schwer faszinierend sind natürlich die ganzen technischen Details. Die hätten für meinen Geschmack ruhig noch etwas technischer sein können. Aber sie sind dennoch mehr als nur angerissen – hier werden diese Gedanken, was möglich ist, wie ein Cyborg tatsächlich gebaut sein könnte, ziemlich weit gesponnen, und das nicht abgehoben, sondern irgendwie sehr realistisch. Das unterstreicht natürlich auch der gänzlich glaubwürdige Charakter des Protagonisten – man nimmt ihm alles ab, was er denkt und sagt und fühlt, und er fasziniert. Ebenso wie das, was ihm passiert ist.
Gelungen finde ich auch die Mischung aus Rückblenden und Gegenwart. Mit dem Schluß wird man allerdings etwas allein gelassen. Typisch Eschbach? Es passt zu seiner Methode, die Fragen nur zu stellen und nicht zu beantworten. Man klappt das Buch zu und denkt erstmal „Hey! Und jetzt? Wie geht es weiter?“ Dann klappt man das Buch wieder auf und sucht auf den letzten Seiten nach Hinweisen und fängt an, sich eine Menge Gedanken zu machen.

Als Fazit würde ich „Der letzte seiner Art“ als gelungenes Buch, halb Drama, halb (Technik)Thriller, bezeichnen, das – wie man es von Eschbach kennt – ein außergewöhnliches und faszinierendes Thema behandelt. Man hätte es noch mehr ausreizen können. Irgendwie bleibt nach dem Lesen das Gefühl, dass dem Buch so etwa zehn Prozent zur Perfektion fehlen. Wäre dem nicht so, wäre es einfach nur brilliant – so ist es ein sehr empfehlens- und lesenswertes Buch. Ich würds mir sofort nochmal kaufen. Und ich werd mir auch mehr Bücher von Andreas Eschbach kaufen. Schließlich ist das hier schon das zweite Buch von ihm, mit dem ich mir mehr als eine Nacht um die Ohren geschlagen habe. Man sollte es nicht gerade in einer Woche lesen, in der man unbedingt ausgeschlafen daherkommen muss.

 

[Eins finde ich allerdings merkwürdig. Diesen Text habe ich einfach so nach dem Lesen hingeschrieben, und mich, bevor ich ihn fertiggestellt habe (d.h. bevor ich diesen Schlusssatz geschrieben habe, aber nachdem ich den Anfang bis hier geschrieben habe) nicht weiter zu Andreas Eschbach informiert. Jetzt lese ich gerade etwas herum, und finde da mehrere Vergleiche mit Michael Chrichton. Das scheint sich ja förmlich aufzudrängen. Na, von meiner Seite ist es auf jeden Fall ein Kompliment – als Autor würde mich das aber sicher ziemlich nerven…
P.S.: das Titelbild ist genial. Ich habs mir zwischendurch beim Lesen immer wieder anschauen müssen. Passt total.
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